[in English]

Neues
(Archiv)

Gesamtwerk
von Otto Gross

Bibliographische
Datenbank

Internationale
Otto Gross
Gesellschaft

Kongresse

Documente

Mailingliste

Links

e-Shop

Gemäldegalerie

Kontakt
picture of Otto Gross
 
Neues
von, über und rund um die
Internationale Otto Gross Gesellschaft e.V.


9. September 2008:
Psychoanalyse und Expressionismus - Spurensuche in Dresden: Internationaler Otto Gross Kongress vom 3. - 5. Oktober 2008 in der Elbmetropole

7. September 2008:
Max Weber als Prozessjurist. Eine Untersuchung von Dr. jur. Albrecht Götz von Olenhusen (Freiburg i.Br.)

17. Februar 2008:
Hans Gross und seine Erben

15. Januar 2008:
Neuerscheinung: ... da liegt der riesige Schatten Freud’s nicht mehr auf meinem Weg. Die Rebellion des Otto Gross / Kongressband vom 6. Internationalen Otto Gross Kongress in Wien liegt vor



PRESSEMITTEILUNG

Psychoanalyse und Expressionismus - Spurensuche in Dresden: Internationaler Otto Gross Kongress vom 3. - 5. Oktober 2008 in der Elbmetropole

9. September 2008 (iogg) - Vom 3. - 5. Oktober 2008 findet in Dresden der 7. Internationale Otto Gross Kongress statt, der von der Internationalen Otto Gross Gesellschaft in Kooperation mit der Sächsischen Wissenschaftlichen Gesellschaft für Nervenheilkunde veranstaltet wird. Er steht unter dem Motto "Fröstelnde Einsamkeit - Schrei nach Liebe. Otto Gross, Psychoanalyse und Expressionismus".

Dresden gehört zu den Zentren des frühen (Künstlervereinigung "Brücke") wie des späten Expressionismus. Leben und Werk des österreichischen Arztes, Psychoanalytikers und Revolutionärs Otto GROSS (1877-1920) waren vorbildlich für Dresdner Intellektuelle wie Bess BRENCK KALISCHER oder Heinrich GOESCH, dessen Bruder Paul in Dresden-Laubegast bereits 1908 "das vielleicht schönste murale Dokument ... an der Grenze zum beginnenden Expressionismus" (Fritz Löffler) geschaffen hat. Die provozierenden Ideen von Otto Gross halfen den Emanzipationsbestrebungen der jungen Generation auf der Suche nach einer neuen Identität und beeinflussten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die moderne Kultur.

Der mit namhaften Experten aus Deutschland, Niederlande, Österreich, Schweiz, Ungarn und USA international besetzte Kongress, der in der Kinder- und Frauenklinik des Universitätsklinikums Dresden stattfindet, will dieser Entwicklung nachspüren und die divergierenden Linien aufzeigen, die zum Dialog von Wissenschaft und Kunst beigetragen haben.

So befasst sich Hans-Jürgen SARFERT (Dresden) mit der "Bedeutung von Hellerau für den Expressionismus", Prof. Dr. med. Albrecht SCHOLZ (Dresden) analysiert "Oskar Kokoschkas Werk 'Die Freunde' im Zeitspiegel von Kunst und Medizin in Dresden 1917/1918". Weiteren Protagonisten des Expressionismus in Literatur und Malerei sind die Beiträge von Prof. Dr. phil. Walter FÄHNDERS, Osnabrück ("Vatermord: Von Walter Hasenclever über Arnolt Bronnen bis Mela Hartwig") und Esther BERTSCHINGER-JOOS, Zürich ("Ernst Frick und seine Beziehung zu Frieda und Otto Gross") gewidmet.

Zentralen Beziehungen von Psychoanalyse, Politik und gesellschaftlicher Entwicklung wenden sich Dr. phil. Bernd NITZSCHKE, Düsseldorf ("Gross Reich Fromm. Wille zur Macht - Sehnsucht nach Liebe"), Dr. phil. Gottfried HEUER, London ("'Das heilige Dritte': Otto Gross' Konzept von 'Beziehung' aus heutiger Sicht"), Prof. Dr. phil. Gottfried KÜENZLEN, München ("Otto Gross: Suche und Sehnsucht nach dem Neuen Menschen"), Prof. Dr. phil. Gunter SCHMIDT, Hamburg ("Väter und Kinder der sexuellen Revolution") und Dr. med. André KARGER, Düsseldorf ("Otto Gross und die Befreiung des Lebens") zu.

Wesentliche Detailfragen der Theorieentwicklung in Medizin und Psychoanalyse diskutieren Dr. med. Thomas REUSTER ("Gross’ Suizid-Assistenz in medizinethischer Perspektive") und Prof. Dr. med. Werner FELBER, beide Dresden ("Zur Psychoseent-stehung bei Otto Gross und Heinrich Stadelmann"), sowie Melinda FRIEDRICH ("Otto Gross und Sándor Ferenczi"), Dr. phil. Péter György HÁRS und István TAMÁS, Budapest ("Adaptive strategies in psychoanalysis: Otto Gross, Sándor Ferenczi and Sándor Radó").

Weitere Höhepunkte der Tagung sind:

  • Eine Podiumsdiskussion zum Thema "Otto Gross und die Kunst" mit Dr. phil. Gerhard DIENES (Graz), Prof. Dr. phil. Erdmute Wenzel WHITE (West Lafayette, Indiana, USA) und Prof. Dr. phil. Jennifer MICHAELS (Grinnell, Iowa, USA), moderiert von Dr. jur. Albrecht GÖTZ VON OLENHUSEN (Freiburg i.Br.);
  • die Präsentation des Dokumentarfilms "Die Vatersucherin“ der Filmemacherin Sandra LÖHR (Berlin) über Sophie TEMPLER-KUH, Tochter von Otto Gross und Ehrenpräsidentin der Internationalen Otto Gross Gesellschaft (die auch beim Kongress anwesend sein wird);
  • eine Ausstellung mit Werken von Paul GOESCH, initiiert von der Kölner Kunsthistorikerin Dr. phil. Stefanie POLEY, und
  • eine Abendveranstaltung in Zusammenarbeit mit der Sächsischen Akademie der Künste mit einer Lesung aus dem Roman "Sophie. Der Kreuzweg der Demut" von Franz JUNG (Sprecher: Hanns-Jörn WEBER, Dramaturgie: Saskia LEISTNER) und der Vorstellung eines archivalischen Fundes ("Otto Gross in Hellerau. Begegnungen bei der Rast zwischen Graz und Berlin") von Dr. jur. Albrecht GÖTZ VON OLENHUSEN. Musik: "Bassnachtigall“. Drei Stücke für Kontrafagott von Erwin SCHULHOFF (Solist: Andreas WILKE). Die Veranstaltung findet im "Blockhaus", Neustädter Markt 19, statt.

Der Tagungsbeitrag beträgt 60 Euro, Tageskarten sind zum Preis von 20 Euro erhältlich. Die Veranstaltung wurde von der Sächsischen Landesärztekammer als Fortbildungsveranstaltung (14 Punkte) anerkannt.

HINWEIS FÜR DIE PRESSE:
Die Referentinnen und Referenten stehen für Interviews zur Verfügung. Eine Pressemappe kann angefordert werden bei: Raimund Dehmlow, Internationale Otto Gross Gesellschaft e.V., Kirchröder Str. 44F, D-30625 Hannover, E-Mail: rdehmlow@onlinehome.de

WEITERE INFORMATIONEN UND ANMELDUNG:
Prof. Dr. med. Werner Felber, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, Fetscherstr. 74, D-01307 Dresden, Tel.: +49/(0)351/4582032, E-Mail: werner.felber@mailbox.tu-dresden.de

Pressemitteilung zum Download (pdf-Datei, 124 KB): www.ottogross.org/deutsch/pdf/PM_Dresden.pdf

Programm der Abendveranstaltung zum Download (pdf-Datei, 352 KB): www.ottogross.org/deutsch/pdf/Avantgarde.pdf


Max Weber als Prozessjurist. Eine Untersuchung von Albrecht Götz von Olenhusen (Freiburg i.Br.)

7. September 2008 (iogg) - Als Beitrag in der Festschrift für Prof. Elmar Wadle (Saarbrücken) zu seinem 70. Geburtstag (hrsg. von Thomas Gergen, Heike Jung u.a., Berlin: Duncker & Humblot 2008) ist die Arbeit "Max Weber als Prozessjurist“ von Dr. jur. Albrecht Götz von Olenhusen (Freiburg i.Br.) erschienen. Die auf Grund von z.T. unveröffentlichten Akten aus diversen deutschen und internationalen Archiven, so u.a. dem Archiv der Internationalen Otto Gross Gesellschaft (Dr. phil. Gottfried Heuer, London) erarbeitete Studie befasst sich auch exemplarisch mit Prozessen, die der Heidelberger Soziologe Max Weber gegen Pressepublikationen, insbesondere Zeitungen, gegen den Heidelberger Zeitungswissenschaftler Adolf Koch und die Dresdener Neuesten Nachrichten in Heidelberg und Dresden führte; ferner mit der internen, nur zum Teil öffentlichen Beteiligung Max Webers an den Prozessen von Frieda und Dr. Otto Gross gegen den Strafrechtsprofessor und Kriminalisten Prof. Hans Gross, Graz. Max Weber beriet dabei Frieda Gross in ihren Auseinandersetzungen mit Hans Gross. Diese Beratungstätigkeit ging jedoch im Frühjahr 1914 in eine intensive gutachterliche und Prozessbeteiligung durch Schriftsatzentwürfe u.a. über.

Max Webers Ansichten über Anarchisten und über fundamentalistische Auffassungen seiner Zeit überhaupt, auch in Diskussionen mit Frieda Gross und ihrem Lebensgefährten, dem Künstler Ernst Frick, werden dabei ebenso deutlich wie die spezifische Art seiner Prozessführung - als Jurist von Haus aus - in eigenen Sachen und in Angelegenheiten von Freunden. Auch der Umgang des großen Soziologen mit Presse und sonstiger Öffentlichkeit sowie mit sensationell wahrgenommenen Presse Prozessen ist - zumal Weber in dieser Zeit eine große soziologische Presseenquete vorbereitete -, besonders bemerkenswert und aufschlussreich.

Zusammen mit der vom gleichen Autor stammenden Studie "Max Weber und die Anarchisten" (2006, 2008) ist diese Arbeit Teil der Vorstudien für eine in Vorbereitung befindliche Arbeit, insbesondere zu den Prozessen von Prof. Hans Gross (Graz) gegen seinen Sohn Dr. Otto Gross und seine aus Graz stammende Schwiegertochter Frieda Gross, geb. Schloffer. In diesen Verfahren spielen neben einer Vielzahl von bedeutenden zeitgenössischen psychiatrischen und psychologischen Gutachtern u.a. Sigmund Freud, C. G. Jung, Wilhelm Stekel, Max Weber, Franz Jung, Simon Guttmann, Erich Mühsam und zahlreiche bedeutende SchriftstellerInnen der expressionistischen Avantgarde und Oppositionsgruppen im Kaiserreich eine Rolle. Die Verfahren, der keinen Einzelfall bildenden cause célébre in Deutschland, Österreich und der Schweiz, zogen sich seit 1913 jahrelang hin. Sie sind auch Teil des problematischen und damals seit der Jahrhundertwende im Umbruch und allmählicher Reform befindlichen Verhältnisses von Psychiatrie, Recht und Justiz und werfen auch Licht auf die Wirksamkeit international wirksamer polizeilicher Kriminalistik, politischer Überwachungen und Ermittlungen gegen Randgruppen der Opposition des Wilhelminischen Staates und dessen Legitimationskrise, wie auch der Habsburger Monarchie.


Hans Gross und seine Erben *

Von Dr. jur. Albrecht Götz von Olenhusen, Freiburg i.Br.

17. Februar 2008 - "Hans Gross  - ein Leben für die Kriminologie" - diese jüngste Darstellung des Grazer Rechtshistorikers Gernot Kocher zusammen mit Thomas Mühlbacher, Oberstaatsanwalt in Graz, zur Biografie und wissenschaftlichen Karriere von Hans Gross stellt nicht nur die  wichtigsten Lebensdaten des späteren Professors für Strafrecht und Strafprozessrecht zusammen. 1847 in Graz geboren wird  er nach 23 Jahren im als Staatsanwalt, Untersuchungsrichter und Landesgerichtsrat im Staatsdienst 1898 endlich Professor in Czernowicz, bis er über Prag (1905) schließlich das Ziel, die Professur in Graz erreicht. Seine wissenschaftliche Karriere wurde durch das alsbald weltweit bekannte "Handbuch des Untersuchungsrichters" (1893), durch seine "Kriminologische Sammlung" (1895), durch eine Reihe grundlegender und einflussreicher Publikationen, mit der Gründung des "Archivs für Kriminalanthropologie und Kriminalistik" (1898) entscheidend befördert und schließlich durch das Kriminalistische Institut (1912) gekrönt. Die "Realien des Strafrechts" standen schon während seiner Zeit als Staatsanwalt und Richter im Zentrum seiner Interessen. Dank seiner Fachkurse für Justizkandidaten und Polizeibeamte in den neunziger Jahren entwickelte er die "gerichtliche Untersuchungskunde" zu einer geschlossenen Disziplin. Er fand dabei Anregungen und Unterstützung durch den Strafrechtler Franz von Liszt.

Während in den Jahren seit Beginn der Jahrhundertwende Einfluss und Ruhm von Hans Gross - gleichsam ein   Sherlock Holmes der aufkommenden naturwissenschaftlich arbeitenden Kriminalwissenschaften -  in aller Welt ansteigen, wird seine private Existenz durch den bekannten Vater-Sohn-Konflikt mit seinem Sohn Otto (1877-1920) aufs schwerste belastet. Für die Generation der expressionistischen Avantgarde und Moderne wird diese scheinbar rein familiäre Differenz  zu einem Exempel, das  kurz vor dem Ersten Weltkrieg bekannte Schriftsteller wie Franz Jung, Simon Guttmann, Erich  Mühsam, Johannes Nohl, Ludwig Rubiner, Leonhard Frank, Guilleaume Appollinaire und viele andere sowie alsdann  Zeitschriften und schließlich auch die Presseöffentlichkeit in Österreich beschäftigt. Auch Max Weber und andere Wissenschaftler werden in den Fall involviert oder engagieren sich, allerdings nicht alle  auf Seiten von Otto Gross, sondern für Frieda Gross und deren Kampf um ihre Kinder gegen Hans Gross. Die in zahlreichen Publikationen über diesen Konflikt oftmals nur negativ konnotierte Persönlichkeit von Hans Gross tritt in seiner familiären Korrespondenz aufs Eindrucksvollste und mit durchaus sympathischen Zügen hervor. Die rund 400, ein sensibleres, differenzierteres Charakter- und Lebensbild zeichnendes Bild zeigenden  Familienbriefe konnte Gernot Kocher für das von ihm wieder zu einem  wissenschaftlich und öffentlich wirksamen Zentrum der Forschung, Archiv und Anschauungsinstrument der historischen Strafrechtswirklichkeit gestaltet hat, für das Museum erwerben und bei Tagungen der Internationalen Otto Gross Gesellschaft in Graz und Zürich in aufschlussreichster Weise vorstellen. Damit wird eine weitere Seite dieses für die Wissen schafts- und Praxisentwicklung von Kriminologie und Kriminalistik so bedeutsamen Charakters deutlicher und mit seinen Ambivalenzen und Zwischentönen sichtbarer.

Mit seinen weitreichenden, auf die praktischen Anforderungen der Polizei, der Staatsanwaltschaften und Untersuchungsrichter zielenden Publikationen, etwa dem Lehrbuch für den Ausforschungsdienst der k.k. Gendarmerie (1895) und dem Kompendium "Die Erforschung des Sachverhalts strafbarer Handlungen" (1902) war  Hans Gross' Zielgruppe in erster Linie das Personal der Sicherheitsdienste, auch wenn er zugleich eine hochschulmäßige Ausbildung anstrebte. Hier konnte er schließlich nach harten, zielstrebig ausgetragenen Kämpfen die Fundamente der Grazer Schule der Kriminologie legen (Christian Bachhiesl: Von Adolf Lenz bis Gerth Neudert), in seiner Person und seinem Werk verbanden sich Kriminologie und Kriminalistik wie Kriminaltechnik, Graphologie, Ballistik, typologische Theorien von Täterpersönlichkeiten und -gruppen, Ursachenforschung mit Methoden der Aufklärung. Naturwissenschaftliche Methoden fanden Eingang, die "Criminalpsychologie", so der Titel eines weiteren Werkes von Hans Gross, sollte bei der Ausforschung von Tätern und Zeugen Hilfestellung leisten. Hans Gross und sein Nachfolger Adolf Lenz (1868-1969)  gingen auf Distanz zur Kriminalanthropologie eines Cesare Lombroso. Die dann vor allem von Lenz enwickelte Kriminalbiologie sollte in den folgenden Jahrzehnten auch in bestimmten "Tätertypen" kulminieren. Lenz als Vertreter des österreichischen Ständestaats verlor nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland seine Stellung. Die Geschichte der Grazer Kriminologie und ihrer Protagonisten während der NS-Zeit und Nachkriegsepoche hat  der  Historiker und Jurist Christian Bachhiesl in dieser und in anderen seiner Arbeiten minutiös und sachkundig nachgezeichnet, auch wenn  diese Wissenschaft nur mehr als Hilfswissenschaft des Strafrechts begriffen wird. In neueren strafrechtlichen, kriminologischen und rechtshistorischen Forschungen wird hier an die renommierte, für die Kriminologie seit Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts maßgebliche Schule der Grazer Kriminologie angeschlossen.

Der Neuaufbau, die Erschließung und Präsentation des Gross'schen Kriminalmuseums im Jahre 2003 durch Gernot Kocher und seine Mitarbeiter legen dafür ein weiteres, vielfach national und international beachtetes, wirkungsvolles Zeugnis ab. Im Kontext dazu stehen die von Dr. Gerhard Dienes, Graz, und Dr. Ralf Rother, Wien, früher konzipierte und  weithin beachtete Ausstellung mit wissenschaftlicher Begleitpublikation "Die Gesetze des Vaters" (Graz 2003, Publikation mit dem gleichen Titel Wien: Böhlau 2003). Sie bildeten Anregung und Grundstein für das weitausgreifende dreiteilige international ausgerichtete  Ausstellungsprojekt in Rijeka mit einem wissenschaftlich und interdisziplinär ausgestalteten Katalog, der die unterschiedlichen Ausgangspunkte und Facetten der Gesamtthematik aufs Beste vereinigt.

Es wurde vom Grazer Landesmuseum Joanneum mit seinem Direktor Dr. Wolfgang  Muchitsch, Dr. Gerhard Dienes und Prof. Dr. Gernot Kocher, Karl-Franzens-Universität Graz, sowie dem Museum der Stadt Rijeka konzipiert (unter Mitwirkung des bekannten Ausstellungsarchitekten Gerhard E. Kuebel) getragen  Unter dem einprägsamen und assoziationsreichen "Übertitel" "Vaterstaat - Muttersohn" wurden hier in einer Ausstellung im Jahre 2007 - zweisprachig auf Deutsch und Kroatisch - die Themenbereiche einer Kriminologie und Strafrechtswissenschaft zwischen Tradition und Neubeginn um die Jahrhundertwende, eines paradigmatischen und nicht allein auf das tragische Familiendrama zwischen Hans Gross und seinem Sohn Otto, dem psychoanalytischen Dissidenten und Anarchisten, reduzierten Generationenkonflikts versammelt. In drei Sektionen wurden auf diese Weise, eingebettet in die historischen Aspekte Rijekas und seiner "Patriarchen", die in Graz mit seiner nachwirkenden Ausstellung und dem zeitgleich stattfindenden Kongress der Internationalen Otto Gross Gesellschaft (2003) aufgenommenen und bearbeiteten Themen inhaltlich, mitteleuropäisch und die wissenschaftlichen Grenzen fruchtbar überschreitend  fortentwickelt.

Dabei spielte die interessante, historisch wie theoretisch bemerkenswerte Konstellation eine Rolle, dass ausgerechnet die Adria-Inseln dem staatlich geprüften und diskutierten Vorhaben dienen sollten, dort jene Strafkolonien zu errichten, welche in der Strafrechts- und Strafvollzugswissenschaft um 1900 als denkbarer oder willkommener Ausweg aus dem Dilemma betrachtet wurden, die als unbelehrbar, unheilbar, degeneriert, politisch und gesellschaftlich nicht akzeptabel und asozial betrachteten Personengruppen aus der bürgerlichen Gesellschaft sei es für Zeit, sei es auf Dauer kostengünstig aus Sichtweite zu entfernen, als sie immer wieder in heimische Gefängnisse einzusperren. Gerhard Dienes hat in einem brillanten Konzept ("Väter und Söhne") den sachlichen und personellen Kontext zwischen  Hans und Otto Gross, Sigmund Freund und Franz Kafka, zwischen Kriminologie und Psychiatrie, Deportation und Gefängniskunde, Aussteigerszenarios und Anarchie, Revolution und Psychoanalyse als Beziehungsgeflecht aufgezeigt. So wie zum Beispiel Hans Gross mit Sigmund Freud, mit Auguste Forel und Emil Kraepelin in Austausch und Verbindung stand, so studierte Franz Kafka in Prag bei Hans Gross. Und Generationen von Germanisten, Philologen und Kulturwissenschaftlern forschen bis heute über die Aus- und Nachwirkungen von Hans Gross auf Kafkas Werke wie "Der Process" und "In der Strafkolonie". "Meine Reise in die Strafkolonien" (1913), von Robert Heindl verfasst (auch einem Kriminalisten, der in engem Zusammenhang mit diesen Zeitthemen und mit Hans Gross stand), hieß ein damals vielbeachtetes Werk.

Hans Gross machte sich in diesen Jahren wissenschaftlich fundierte Gedanken über die Deportation als Mittel des Strafvollzugs. Es gehört zu den zeitlich wie räumlich bemerkenswerten "Zufällen" der Geschichte, daß die Adria-Inseln wie Unije, Susak, Krk, San Andrea, Cres und Plavnik für rechtspolitische Konzepte  von  Strafkolonien in Betracht gezogen wurden, während viele von ihnen andererseits als Refugium für Lebensreformer, Anarchisten, Naturisten gewissermaßen als "Liebesinseln" genutzt wurden. Zu solchen touristischen Besuchern und "Aussteigern", die später auch Ascona und das Tessin überhaupt als mythologisch, kultisch oder in anderer Weise ideologisch aufgeladenen Ausfluchts- und als Wohnort bevorzugten, zählten auch Frieda Gross und Ernst Frick, Otto Gross und Sophie Benz. Den biografischen Zusammenhängen und den theoretischen Konzepten von Otto Gross  wird hier (durch Gottfried Heuer) ebenso in biografisch-theoretischer Absicht eindringlich Rechnung getragen wie der Genese und Geschichte des Lagers (als Spiegel, Ort der Moderne, Machtsystem eigener Art und Paradigma) in dem  Beitrag von Ralf Rother. Dass sich Generationenkonflikte der Art, wie sie sich in der Familie von Hans Gross manifestierten, auch in der Geschichte Rijekas und Kroatiens realisierten, haben weitere Autoren dargestellt (Ervin Dubrovic, Tonko Maroevic, Mladem Urem). Janko Polic Kamov, ein anarchistischer Schriftsteller Kroatiens wird dabei als ein prägnantes Beispiel für die tiefgreifenden Wirkungen der Werke Lombrosos und Freuds auf einen  Künstler vorgestellt, für die Faszination etwa des Autors Kamov durch die auch mythologischen, die künstlerischen Inspirationen anregenden Figuren des Genies, des Irrsinnigen und des Verbrechers - die, wie es einmal heißt, im Augenblick des schöpferischen Schaffens zusammentreffen.

* Zugleich Besprechung des Begleitbuchs zur Ausstellung in Rijeka: Museum der Stadt Rijeka/Landesmuseum Johanneum Graz/Karl Franzens Universität Graz (Hrsg.): Vaterstaat - Muttersohn. Autoren und Redaktion: Gerhard M.Dienes, Ervin Dubrovic, Gernot Kocher.  Rijeka: Museum der Stadt Rijeka 2007. 227 S. m. Abb. (Katalog zur Ausstellung in Rijeka 12.6. - 17.8.2007). Zweisprachig Deutsch und Kroatisch.


Neuerscheinung: ... da liegt der riesige Schatten Freud’s nicht mehr auf meinem Weg. Die Rebellion des Otto Gross / Kongressband vom 6. Internationalen Otto Gross Kongress in Wien liegt vor

15. Januar 2008 - Unter dem Titel "... da liegt der riesige Schatten Freud’s nicht mehr auf meinem Weg. Die Rebellion des Otto Gross" liegt jetzt der Kongressbericht vom 6. Internationalen Otto Gross Kongress, der vom 8. - 10. September 2006 in Wien stattfand, vor. Die Veröffentlichung präsentiert sämtliche Vorträge der Tagung.

Der Kongress wurde von der Internationalen Otto Gross Gesellschaft in Kooperation mit  dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung, der Universitätsklinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien, dem Institut für Geschichte der  Medizin der Medizinischen Universität Wien, dem Institut für Wissenschaft und Kunst, Wien, und der Österreichischen Gesellschaft für arzneimittelgestützte Behandlung Suchtkranker (ÖGABS) veranstaltet.

 Frontpage: Die Rebellion des Otto Gross

Raimund Dehmlow, Ralf Rother und Alfred Springer (Hrsg.)

... da liegt der riesige Schatten Freud’s nicht mehr auf meinem Weg. Die Rebellion des Otto Gross. 6. Internationaler Otto Gross Kongress. Wien, 8.-10. September 2006

Marburg an der Lahn: Verlag LiteraturWissenschaft.de (TransMIT), 2008
558 Seiten, ISBN 978-3-936134-21-6, Preis: 29,60 EUR

"... da liegt der riesige Schatten Freud's jetzt nicht mehr auf  meinem Weg“ schrieb der österreichische Arzt, Psychoanalytiker und  Revolutionär Otto Gross (1877-1920) in einem Brief an Frieda Weekley (geb. von Richthofen) und umriss damit seine Bemühungen um eine  Anwendung der psychoanalytischen Methode auf die gesamtgesellschaftlichen Strukturen. Gross entwickelte ein wissenschaftliches Konzept, das in dem Satz "Die Psychologie des Unbewussten ist die Philosophie der Revolution“ zusammengefasst werden kann. Dieses Konzept setzte darauf, die mit therapeutischer Hilfe erreichte Bewusstmachung unbewusster Vorgänge zur sozialen Veränderung und damit zur Rebellion gegen die herrschenden  patriarchalischen Strukturen zu nutzen.

Zahlreiche Referentinnen und Referenten aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, Japan und den USA widmeten sich in ihren Vorträgen Einzelfragen der Geschichte der Medizin, Psychiatrie, Philosophie und Psychoanalyse. Weitere Schwerpunkte der Veranstaltung lagen auf den Themenbereichen "Trauma, Schmerz und Sucht“,  "Emanzipation“ und "Caféhaus“ und griffen zentrale Lebensfragen von Otto Gross und der jungen Generation des 20. Jahrhunderts auf. Ein weiterer Themenkomplex des Kongresses behandelte "Otto Gross und die Frauen“ und beschäftigte sich u.a. mit der Schweizer Schriftstellerin  Regina Ullmann, der Malerin Sophie Benz und den Schwestern Else und  Frieda von Richthofen.

Weitere Informationen: Inhaltsverzeichnis; Bestellen



Weiter zu: Nachrichtenarchiv


 

  080909  
Copyright © 1998-2008